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Rückkehr nach Sölden

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Gran Canaria, 21. März 2022 19:30 Uhr
Ein epischer Ride auf die Nordseite der Insel neigt sich dem Ende. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Alle in der Gruppe haben ihr Licht eingeschaltet. Es geht in Schussfahrt die letzte Abfahrt zur Küste hinab. Eben hatte ich noch das Hinterrad meines Vordermannes im Lichtkegel, im nächsten Augenblick nehme ich wahr, dass er auf der Strasse vor mir zum Stehen gekommen ist. Ich bin viel zu schnell! Mir ist sofort klar: Das geht sich nicht aus. Daher bremse ich voll und versuche auszuweichen. Sogleich sehe ich, wie das Rad ins Schlingern gerät. Dann wird es um mich herum dunkel. Den Aufschlag spüre ich nicht mehr. 

In der Notaufnahme des Hospital Universitario Insular de Gran Canaria lautet die Diagnose: Bruch der Hüfte (Oberschenkelhals) und der Clavicula. Die Zeit ist ungünstig, weil wir mitten in der Corona-Pandemie sind. Mit etwa 30 anderen Patienten liege ich noch 24 Stunden im Saal der Notaufnahme. Es vergehen weitere 48 Stunden, bis ich endlich operiert werde. Das ist für diese Verletzung viel zu viel Zeit. Es wird ein sogenannter Gamma-Nagel eingesetzt. Als ich eine Woche später aus der Klinik entlassen werde, wird schnell klar: Die Operation war nicht erfolgreich. Zum Glück kann ich im Rollstuhl ins Flugzeug und zurück nach Deutschland kommen.

Zurück aufs Rad

In der Münchner Uniklinik bekomme ich die ernüchternde Mitteilung, dass mein Hüftgelenk nicht zu retten ist. Die OP wird etwas umfangreicher, da der Gamma-Nagel zunächst ausgebaut und dann ein neues Hüftgelenk aus Titan eingebaut wird. Ebenso wird bei diesem Eingriff die mehrfach gebrochene Clavicula mit einer Platte versorgt.

Nun folgten drei schwere Monate, die mich Schritt für Schritt aus dem Rollstuhl zurück auf Krücken, und schließlich wieder auf die Beine brachten. Am 18. Juni war es dann so weit: ich saß das erste Mal wieder draußen auf dem Rad. Die erste Rennradfahrt auf ebener Strecke fühlte sich an wie ein Berg.

Dranbleiben. Jeder Meter, jeder Tritt zählt. Daran hielt ich mich, und es ging nach und nach bergauf. Eines wurde nun jeden Tag klarer. Nach so einem Unfall bleiben nicht nur körperliche Narben, sondern auch seelische. Während meine Wattwerte sich gut entwickelten, war der Kopf eine mindestens ebenso große Herausforderung.

Nonstop nach Bologna

Im Sommer 2023, ein gutes Jahr nach meinem Sturz, nahmen Niels und ich wieder eine Langstrecke in Angriff. Nonstop von München nach Bologna war das Ziel. Nach 30 Stunden und über 550 Kilometern stiegen wir dort von unseren Rädern. Mein Fazit lautete: „Es geht mehr, als man denkt.“

Mit der erfolgreichen Nachtfahrt hatte ich eine der mentalen Sturzfolgen aus dem Weg geräumt. Wie stand es nun um meine körperliche und mentale Wiederherstellung? Der ultimative Beweis, dass ich den Sturz wirklich überwunden hatte, stand noch aus. In meinem Kopf zeichnete sich immer klarer ab, dass dafür nur ein Nachweis herhalten kann. Die Rückkehr nach Sölden. Den Ötztaler Radmarathon wieder finishen.

Startplätze für Sölden

Für den Ötzi 2025 bekamen wir Startplätze. Um so näher der Termin rückte, desto mehr merke ich, wo die Hürden lagen. Abfahrten im Rennen und im großen Feld sind eben ganz etwas anderes, als wenn man alleine unterwegs ist. Da fragte ich mich: Sollte ich den Ängsten nachgeben, und es mit dem Ötzi einfach sein lassen? Das ist vielleicht der einfache Weg aus dem Dilemma.

Doch die Wochen vor dem Start brachten mir die Gewissheit, dass dieser einfache Weg nicht mein Weg sein würde. Am Ende dieses Prozesses war für mich klar, der Weg aus der Angst führt nur durch die Angst hindurch. In Sölden stand es dann noch einmal Spitz auf Knopf. Sowohl die vorletzte Nacht, wie auch die Nacht vor dem Start war kaum an Schlaf zu denken. Ich machte mir einmal mehr klar, es ging hier nicht um Zeiten oder Platzierungen, sondern der Kampf würde in meinem Kopf zu bestehen sein.

Zum Ziel der Träume

Allen Hindernissen zum Trotz rollte ich dann an diesem eisigen Morgen durch den Startbogen, um mich meinen Ängsten zu stellen. Mit jedem Meter, den es das Tal hinab ging, wuchs meine Zuversicht. Es half, die Sache ruhig anzugehen. Die schnelle Abfahrt vom Kühtai hinab war eine Herausforderung. Klar, die Angst war noch da, bereit sich in den Vordergrund zu drängen. Es gelang mir, sie in ihre Ecke zurück zu verbannen.

Die Jaufenauffahrt lief sehr gut. Bergauf war nicht mein Problem. Dennoch war ich oben an der Labestation ziemlich erledigt, was mir einen mentalen Dämpfer verpasste. Zum Glück war Gaby da, die zusammen mit einem Beutel mit meiner Verpflegung auch ein paar aufmunternde Worte für mich bereit hatte.

Das Timmelsjoch war immer schon mein liebster Abschnitt. Das Wetter an diesem Tag war ein Traum. Es fühlte sich bei all der Quälerei gut an, wieder hier zu sein. Ich ließ meinen Blick über das Hochgebirgspanorama schweifen. Deswegen fahre ich Rennrad. Die Faszination aus eigner Kraft hier hinauf zu gelangen, treibt mich an. Dann ging es hinab ins Ziel. Ein tolles Gefühl! In mir griff die Erkenntnis Raum, dass dieser Erfolg über mich selbst nicht geringer zu werten ist als die guten Platzierungen aus der Vergangenheit. 

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