Start Competition Ötztaler 2019 – Entscheidung am Timmelsjoch

Ötztaler 2019 – Entscheidung am Timmelsjoch

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Und jährlich grüßt das Murmeltier. Das zehnte Mal stehe ich in Sölden beim Ötztaler Radmarathon am Start. Nach so viel Teilnahmen sollte sich doch endlich Routine eingestellt haben. Dreimal stand ich in meiner Altersklasse auf dem Podium. Auch im letzten Jahr, als es nass und kalt war, sicherte ich mir dort ein Treppchen in der Arena. Die Schweizerin Margrit Abächerli siegte bei diesen schwierigen Wetterbedingungen und war sogar einige Minuten schneller als ich im Vorjahr mit viel Sonne. Auch jetzt ist sie mit am Start. Die Holländerin Carla Mellema, Siegerin Tour Transalp 2019, ist eine Klasse für sich. Kommt sie sturzfrei ins Ziel, ist sie die Siegerin Masters 2. Gerade in diesem Jahr ist eine Reihe von starken Fahrerinnen nachgerückt. Meine Chancen aufs Podium sind folglich zweifelhaft. Als Alternative setze ich mir daher das sehr ambitiöse Zeitziel Sub 9.

6:45 Uhr geht es bei idealen Bedingungen los. Die Strecke ist voll. Nach zwei Stunden bin ich oben am Kühtai, fünf Minuten hinter meinem Zeitplan. In der Abfahrt kann jeder beruhigt Gas geben, ohne gegen Nässe und Kälte wie im letzten Jahr ankämpfen zu müssen. Der nächste kritische Punkt ist, eine gute Gruppe zum Brenner zu finden. Mich hat in der Abfährt vom Kühtai eine Mitfahrerin aus meiner Altersklasse überholt. Zwischen Kematen und Innsbruck muss ich reißen lassen. Zu schnell. Dann kommt Liberalitas Bavarica Kollege Peter Schumann vorbei und ruft mir zu: „Häng‘ Dich ran.“ In der Kleingruppe um ihn herum erreichen wir die Großgruppe. Ab Abzweig zum Brenner in Innsbruck geht es ruhiger zu. Ich kann die Sprintkörner von vorhin verdauen und verhalte mich ruhig. In der Zeit bin ich im Plan weiter  hintendran. Oben am Brenner wartet Heidi mit einer frischen Flasche, ein paar Gels und aufmunternden Worten auf mich. So bin ich für den Aufstieg zum Jaufen gerüstet. An der Jaufenlabe unterstützt mich Silke und gibt mir einige Infos zur Rennlage in meiner Altersklasse. Das Podium scheint demnach noch in Reichweite zu sein.

Also runter nach St. Leonhard und die Entscheidung am Timmelsjoch suchen. Nach dem Kernstück hinter Moos nehme ich zwei Gels. Das muss sein, wenn ich wirklich die Labe Schönau nicht ansteuern will. Innere Jammerei stellt sich ein, und ich beruhige: „Wir halten an.“ Im Flachabschnitt fahre ich einer Fahrerin aus einer jüngeren Altersklasse nach. Sie fährt an Schönau vorbei, ich auch. Dann trennen sich unsere Wege. Sie ist doch ein gutes Stück schneller als ich. Ich kämpfe mich bis zur letzten Labe in der Kehrengruppe durch und freue mich auf kalte Cola. Leider lauwarm. Etwas irritiert nehme ich dennoch einen zweiten Becher. Für den Rest bin ich so gewappnet. Eine Kontrahentin habe ich hier oben nicht gesehen. Carla ist sicher schon im Ziel. Margit konnte ich auf dem Weg nach Schönau überholen. Oben am Pass verzichte ich auf eine Windweste. Wozu? Am Gegenanstieg wird es wieder warm. Dummerweise macht sich feiner Regen breit. Anhalten? – Nicht jetzt. Das mache ich an der Mautstation, sage ich mir. Oh Wunder, drehte das Wetter am Gegenanstieg in die Sonne, und alles war geritzt. So eine Frostbeule bin ich nicht.

Kurz vor Zwieselstein schießt Margit in einem Grüppchen an mir vorbei. Da heißt es für mich dranbleiben. Wäre das in den Kehren nach der Mautstation passiert, hätte ich gegen die Abfahrspezialistin keine Chance. Durch Zwieselstein hindurch und die letzten niedrigen Anstiegsprozente hinauf, gelingt es mir dranzubleiben. Ich kann die Schweizerin sogar noch einmal überholen. Doch in der Schussabfahrt nach Sölden hinab ist sie wieder vorbei. In dem Augenblick schießt mir das Reglement des Ötztaler Radmarathons durch den Kopf, das da lautet: Für die Plätze 1 bis 10 in der Gesamtwertung, zählt die Einfahrts-Reihenfolge, nicht die „gefahrene“ Zeit. In den Klassen gilt diese Regelung für die Ränge 1 – 3. Kurz denke ich: „Die Sache ist gelaufen.“ Im Ort passieren wir die 1000 Meter Marke. Plötzlich, wie aus dem Nichts, ist Peter wieder da. Ohne Worte erahnt er, was für mich auf dem Spiel steht. In dem leichten Anstieg vor dem Zielbereich zieht er mir den Sprint an. Ich passiere vor Margrit den Zielstrich und höre meinen Namen und Platz 2 in der Altersklasse Masters 2. Erst nach 238 Kilometern und über 5000 Höhenmeter entscheidet sich für mich das Rennen auf den letzten Metern. Unglaublich.

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